Komma her!

Bild: Erik Karits via Unsplash.
Es gibt Dinge in der Sprache, die werden immer seltener. Über den rapidissimo aussterbenden Bindestrich wird es hier demnächst einen eigenen Beitrag geben¹, aber auch das Komma ist im Schwinden begriffen.
Sehr, sehr leider.
Zwischen vollständigen Hauptsätzen, die mit und
, oder
, entweder – oder
, weder – noch
oder beziehungsweise
verbunden sind, kann ein Komma stehen – muss aber nicht.
Sollte aber.
(Auch wenn der Duden das »Muss nicht« eine gute Nachricht nennt.)
Merke: Einfach angewöhnen, immer setzen. Es darf ja.
So vermeidet man Satz-Ungetüme wie dieses: Sie hatte sich so auf die Feiertage gefreut und ihre Eltern wollten sie so gerne sehen und sie waren auch neugierig auf ihren neuen Freund.
Atemlose Kindersprache.
Oder: Entweder das letzte Bier war schlecht gewesen oder er hatte sich ein Magen-und-Darm-Virus eingefangen und die Haferflocken mit einem Haltbarkeitsdatum aus dem vergangenen Jahr rochen auch schon etwas ranzig.
Katerverwirrte Post-Party-Sprache.
Ist übrigens auch logischer, denn, noch mal der Duden: Werden vollständige Hauptsätze durch sogenannte adversative Konjunktionen verknüpft, d. h. Konjunktionen, die einen Gegensatz ausdrücken, muss immer ein Komma gesetzt werden.
Wieso, weshalb, warum? Ich gehe und du läufst
ist richtig, Ich gehe aber du läufst
ist falsch? Um den deutschen Komiker (und hervorragenden Musiker!) Helge Schneider zu zitieren: Alberner Duden!
Also bitte: Ich gehe, und du läufst.
Ich gehe, aber du läufst.
Noch wichtiger, und tatsächlich auch keine Kann-, sondern eine Muss-Regel: Eingeschobene Nebensätze werden mit einem Komma eingeleitet und mit einem weiteren beendet.
Also bitte nicht schreiben: Ich treffe eine Freundin, die ich lange nicht gesehen habe und wir gehen ans Meer.
Sondern: Ich treffe eine Freundin, die ich lange nicht gesehen habe, und wir gehen ans Meer.
Zum Schluss noch eine weitere Opposition gegen den Duden: Dort steht nämlich ausdrücklich, dass bei weder – noch
kein Komma zu setzen sei (im Widerspruch zum weiter oben verlinkten Artikel ürigens). Und dann kommt ein Beispielsatz, bei dem die WERNERPRISE°-Redaktion die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: Ich beherrsche weder die boolesche Algebra noch die lateinischen Stammformen noch den Bassnotenschlüssel noch die Abseitsregel.
Was für ein unattraktiver Bandwurm!
Hier werden Sie, auch wenn das eine Rüge der Duden-Redaktion nach sich ziehen mag, für immer und alle Zeiten lesen: Ich beherrsche weder die boolesche Algebra, noch die lateinischen Stammformen, noch den Bassnotenschlüssel, noch die Abseitsregel.
(Weder Abseitsregel, noch Bassnotenschlüssel sind übrigens wirklich schwer; anders ist es mit der booleschen Algebra. Lateinische Stammformen wiederum kann man lernen [und bald darauf leider wieder vergessen].)
¹ Auch wird es hier demnächst einen eigenen Artikel über das Semikolon geben; eines der unterschätztesten Satzzeichen nicht nur der deutschen Sprache, sondern auch international völlig zu unrecht geschmäht.