Ehrlich?!

Hand aufs Herz
– ist das der einzige Moment, in dem Menschen tatsächlich aufrichtig sind? Oder, siehe das Photo von Lyndon B. Johnson, Amtsnachfolger des erschossenen John F. Kennedy, wenn sie eine Hand auf die Bibel legen?
Zumindest legt die Sprache diese Vermutung nahe. Menschen sagen ständig ehrlich gesagt
oder um ehrlich zu sein
, und wenn sie das so betonen müssen, dann sind sie’s sonst wahrscheinlich eher nicht. Oder?
Oder sie sagen – für das Sprachempfinden von WERNERPRISE°s Chefredakteur Thomas P. Werner maximal schmerzhaft – sich ehrlich machen
. Ein verquerer Pseudo-Anglizismus, der so invasiv ist, dass er schon in den Duden aufgenommen wurde und auch ins Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache.
Wer nicht ehrlich ist, kann sich auch nicht ehrlich machen. Das wird nix. Wir müssen uns ehrlich machen
ist ein Lippenbekenntnis. Es ist Influencer-Sprech für: Wir tun jetzt so, als wären wir ehrlich, und hoffen, dass nicht auffällt, wie wir weiter vor uns hin lügen.
Mein Appell lautet daher: Macht euch nicht ehrlich, sondern seid es einfach. Alle. Immer. Überall. Bei jeder Gelegenheit. Auch wenn’s schwer fällt. Keine white lies
, Notlügen
oder Schwindeleien
.
Nicht, weil Lügen kurze Beine haben
, und auch nicht, weil ehrlich am längsten währt
, sondern weil es ein Zeichen von Respekt ist. Und Respekt ist gerade in dieser wirren Zeit einer der wichtigsten Bewahrer von Dialog und Demokratie.
P.S.: Weder habe ich momentan die Energie, hier in diesem Blog im weitesten Sinne politische Themen zu besprechen (s. auch Isn’t it Ironic?), noch verfüge ich über irgendeine nennenswerte Reichweite, dank derer ich das Gefühl hätte, etwas bewirken zu können. Deswegen kümmere ich mich – nach langem, fast gelähmten Schweigen – erstmal wieder um meine Kernkompetenz: das geschriebene Wort. (Was ja auch nie ganz und gar unpolitisch ist, siehe den Schlussatz des vorigen Absatzes.)