Isn’t it Ironic?

Ein roter Panda ruht zusammengerollt in einer Astgabel eines Baumes. Er hat die Augen leicht geschlossen, was ihm einen etwas frustrierten Gesichtsausdruck gibt.
Bild: Pavellllllll via Pixabay

Iro­nie, die [iʁoˈniː] (Sub­stantiv, feminin)

  1. feiner, verdeckter Spott, mit dem jemand etwas dadurch zu treffen sucht, dass er es unter dem augenfälligen Schein der eigenen Billigung lächerlich macht
  2. paradoxe Konstellation, die einem als Spiel einer höheren Macht erscheint
  3. (Quelle: Duden)

Hier ist eher die zweite Bedeutung gemeint, oder die des deutschsprachigen Wiktionary: verhüllter Spott, bei dem ein Unterschied zwischen wörtlicher und wirklicher Bedeutung besteht – oder auch jene, die Alanis Morissette in ihrem Song »Ironic« besingt: It’s the good advice that you just didn’t take.

Passiert ist nämlich folgendes: Ende Februar, also vor sechseinhalb Monaten, schrieb ich, wir sollten jetzt alle die Ärmel hochkrempeln und zusammen dafür sorgen, dass die faschi­stischen, autokratischen Aktivitäten aufgehalten werden. Gemeinsam müssen die Vernünftigen im Land als Korrektiv geradestehen, schrieb ich, und: Jetzt kommt es darauf an, am Ball zu bleiben.

Und dann schrieb ich: nichts mehr.

Zumindest nicht hier, in diesem Blog. Auf meinem Ma­stodon-Account habe ich weiterhin gepo­stet, aber Social-Media-Posts sind die Skizzen des Schreibens: schnell hingehauen, ohne viele Details, flüchtig wie Schmetterlingsflügelflattern und ebenso folgenlos in der Wirkung.

Auch Beiträge in diesem Blog sind nicht für ihre weltverändernden Konsequenzen bekannt, aber immerhin gibt’s hier keine Zeichenbeschränkung und keine übervolle Timeline, in der alles nach wenigen Stunden verschwindet. Wir Blogger*innen haben die Option, viele Quellen zu verlinken, ins Detail zu gehen und verschiedene Aspekte auszuführen. Es wäre hier also der richtige Ort, am Ball zu bleiben.

Themen gibt es reichlich.

Im Juli hat Harald Lesch in einem Terra-X-Video vorgerechnet, dass die Menschheit noch sechs Jahre CO₂ ausstoßen kann, um wenig­stens eine 50-prozentige Chance zu haben, die globale Erhitzung auf 1,5°C zu beschränken – gleichbleibenden Verbrauch vorausgesetzt. Aber: In den vergangenen Jahren ist der CO₂-Ausstoß kontinuierlich gestiegen. (Das Video ist betitelt: Wir sind am *rsch.)

Die Bundesregierung – die gleich zu Amtsbeginn schon unbeliebter als die sogenannte »Ampel« war und deren Beliebtheit weiter rasant abnimmt – beschließt eine Obszönität nach der anderen: […] wird an Subventionen von fossilen Energien festgehalten, die die Klimakrise weiter anheizen: Allein 3,4 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds sollen für die Subventionierung des Gaspreises zweckentfremdet werden, schreibt Jan Philipp Albrecht, Co-Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Wirtschaftsmini­sterin Reiche stellt die Klimaziele in Frage, während die Mehrheit der Menschen im Alltag längst mit den Auswirkungen kämpft. […] Reiche kürzt selbst die Förderung für private Solaranlagen und nimmt den Menschen den letzten Bereich, wo sie selbst etwas zur Energiewende beitragen können. Reiche drängt außerdem zum Neubau von Gaskraftwerken.

Und auch jenseits des mit großem Abstand wichtig­sten Themas, der Klimakatastrophe, folgt die CDSUSPD-Regierung ihrem AfD-freundlichen Kurs:

… und so weiter, und so furchtbar.

Und doch, und doch – nicht ein Wort hier zu irgendetwas davon, seit mehr als einem halben Jahr.

Ich habe mich gefragt: warum? Warum das Schweigen, warum die Erschöpfung, warum der Zweifel, warum das Gefühl der Sinnlosigkeit?

Und ich glaube, ich habe eine Antwort gefunden.

Menschen, die seit Jahren die massiv wachsende Faschisierung, Desozialisierung, Feudalisierung, vor allem aber die wie ein ferngesteuerter Bagger durchs Unterholz brechende Umweltzerstörung und das exponentiell schneller werdende Artensterben beobachten, erleben einen extremen Verlust, vergleichbar dem einer geliebten Person. Und durchlaufen, ganz analog, die sieben Stufen der Trauer¹.

In einem Artikel, der mich mitten ins Herz getroffen hat, zieht Jessica Wildfire diesen Vergleich, und ich denke, dass ihre Einschätzung richtig ist: nämlich, dass die mei­sten Menschen noch in den er­sten beiden Stufen festhängen – Schock/Ungläubigkeit und Leugnung. Wer sich intensiver mit dem Thema Multikrise beschäftigt, landet dann über kurz oder lang auf den Folgestufen. Wobei allerdings jede*r anders trauert und die wenig­sten die Stufen nacheinander »abarbeiten«; manchmal werden Stufen übersprungen, manchmal springen Trauernde auch zwischen den Stufen hin und her. Ich kann von mir sagen, dass ich immer wieder zwischen Schuld/Feilschen, Traurigkeit/Depression/Reue, Wut und Akzeptanz oszilliere. Nur die Hoffnung will sich momentan leider nur sehr selten einstellen.

¹ Ja, sowohl das fünfstufige Original von Elisabeth Kübler-Ross, als auch seine verschiedenen siebenstufigen Nachfolger sind umstritten; ihre Empirie wird angezweifelt. Ich finde das Modell zum Verständnis komplexerer Seelenzustände trotzdem sehr hilfreich.